Ich zitiere von Zeit zu Zeit sehr gerne einmal jemanden. Sofern man das Privileg oder das Schicksal haben sollte oder falls einem – als Variante ohne inhärente Wertung – der Status eines Studierenden innewohnt, so kommt man um diese Freizeitbeschäftigung sowieso nicht herum.

Wen kann man nicht alles zitieren. Einstein wird immer gern genommen. Einstein war ja ein schlauer Kerl, da kann man nichts falsch machen. Oder auch Nietzsche, der ist so schön kontrovers, da wird schon keiner nachfragen. Herr Läufer-Schnarre von gegenüber wird vergleichsweise wenig zitiert, habe ich jedenfalls noch nicht mitbekommen. Kann ja gut sein, dass er durchaus seine Fangemeinde hat, die sich allfreitäglich in einem schummrigen Keller mit niedrig hängenden Lampen und Plüschsofas an den kahlen Wänden trifft, um sich dort reihum, in durchgesessenen Ohrensesseln sitzend, gegenseitig aus Läufer-Schnarre-Werken vorzulesen.

Ein besonders grelles Zitat hat heute meine Aufmerksamkeit gemopst und sie vom fließenden Verkehr an den Straßenrand hin entführt. Das Zitat war relativ belanglos und auch austauschbar. Vielleicht schreibt ja irgendwann einmal jemand einen Thesaurus für besonders platte Zitate, da würde das dann sicherlich einen großen Eintrag bekommen und gemeinsam mit einer unzählbaren Menge von Synonymen verzeichnet stehen. Wahrscheinlich würde es ein mehrbändiges Werk werden, das sich Universitätsbibliotheken zu Recherchezwecken anschaffen würden. Kopieren dürfte man daraus dann nicht, dazu wäre es in der Anschaffung einfach zu teuer, wenn da die Bindung kaputt ginge!

Besagtes Zitat also, so etwas wie „Durch seine Schwäche mache ich den Schwachen stark“ oder ähnlich (vermutlich ähnlich, aber der Sinn war in etwa vergleichbar) stand hinter einer Glasplatte mit Steckbuchstaben aufgebracht. Steckbuchstaben, das sind diese Dinger, die man früher immer an Kinos hatte, um die neuesten Filme anzukündigen. Jedenfalls, als Quelle war unter diesem Zitat niemand geringerer angegeben als Gott höchstpersönlich.

Das muss man sich mal vorstellen. Vielleicht schreibe ich ja irgendwann einmal eine Hausarbeit in Theologie oder Philosophie und zitiere aus der Bibel. Wie sähe dann die entsprechende Bibliographie aus? Allein schon wegen des fehlenden Vornamens würde das Schwierigkeiten geben. Ich bin mir auch nicht komplett sicher, ob es einhellige Forschungsmeinung ist, dass Gott als Verfasser der Bibel angesehen wird. Da zitiere ich doch lieber Einstein, da weiß man wenigstens, wen man zitieren soll. Das mit der Phantasie hat mir immer gut gefallen. Es gibt auch noch eines, in dem er sich darüber verbreitet, dass die Vergangenheit vergangen sei und er in der Zukunft zu leben gedenke. Naja, jeder irrt sich mal, das macht so einen Denker wie Einstein doch auch irgendwie sympathisch. Trotzdem schade, dass er mit der Gegenwart demnach nichts anfangen konnte, die Zukunft ist ja nun auch nicht greifbarer als die Vergangenheit.

Die Mitglieder des Läufer-Schnarre Zitateklubs löschen nun langsam ihre Zigarren und leeren ihre Whiskeygläser, schließlich ist es schon spät. Tun wir es ihnen gleich und verlassen im 10-Sekunden-Takt dieses Schriftstück. Nicht, dass noch jemand unseren geheimen Klubraum entdeckt.

Hunderttausend Jahre ist es nun her, dass wir zuletzt einen Valentinstag in Aussicht hatten. Manche mögen dass vielleicht für eine Übertreibung halten, aber angesichts der Massen an Werbung, die zu diesem Thema in meinen Email-Posteingang eindringen, kann es gar nicht anders sein. Wie sonst sollte man die Dringlichkeit, ja die geradezu hysterische Steigerung der Betreffzeilen in den vergangenen Tagen sinnvoll erklären? In Ihrer Verzweiflung greifen die mir übrigens allesamt unbekannten Absender jener sicherlich nett gemeinten Erinnerungsmails inzwischen schon zu drastischen Maßnahmen. Wenn ich doch schon keine pseudo-individuellen Produkte kaufen wolle, auf denen durchweg das Wort „Schatz“ in unerträglicher Schnörkelschreibschrift eingraviert, aufgemalt, hineingeätzt, mit den Zähnen gebissen, durch halbflüssige Zartbitterschokolade aufgebracht oder irgendwie anders appliziert wurde, dann solle ich doch bitte ein „Anti-Valentinstagsprodukt“ kaufen!

Vom wirtschaftlich Standpunkt aus betrachtet ist das natürlich eine glorreiche Idee, die man gar nicht genug in die höchsten Höhen des freien Marktwirtschaftshimmels hinaufloben kann. Vergessen wird dabei nur der indirekte Adressat. Wem sollte ich denn der Meinung jener findigen Marketing-Einsteins nach ein solches Produkt bittesehr verehren? Meinem größten Feind? Dem Zeitungsverkäufer an der Ecke? Oder kauft man solch ein Produkt nur für sich selbst? Ich bitte um eine Begriffsdefinition!

Nebenbei gesagt, ich weiß nicht, wie ein solches Produkt eigentlich auszusehen hat. T-Shirts mit der Aufschrift „Valentinstag ist doof“ vielleicht. Oder eine Klobrille in Herzform, das wäre doch fast schon subtil. Da könnte man dann ja auch „Schatz“ eingravieren.

Wenn ich wüsste, wie ich es anstellen sollte, dann würde ich mich gern vor diesen sicherlich nur nett gemeinten Mails schützen, denn ich kann mit beiden Zielgruppen nicht viel anfangen. Entweder mache ich mich zum Sklaven der Wirtschaft, die diesen Tag sicherlich über einige verkappte Briefkastenorganisationen selbst ins Leben gerufen hat, oder ich stemple mich selbst als desillusionierten Griesgram ab. Achtung, abwegige Idee: Warum nicht mal ein nettes Geschenk selber machen? Mit eigenen Händen und so? Oder einfach nur mal besonders nett sein zu den Personen, die man damit bedenken möchte? Was wird mir da entgegen geschleudert? Das kann man doch das ganze Jahr über machen? Achso, ja, stimmt.

- Kurze grüblerische Pause… – Wozu brauchte man dann doch gleich noch mal den Valentinstag?

In Ungnade gefallen ist man sehr schnell. Festzustellen ist dies besonders leicht, wenn man bestehende Erwartungshaltungen nicht erfüllt, sei es aus forscherdrangsbedingter Wissbegier oder durchaus ohne Absicht, nämlich in schlichter Unkenntnis der jeweiligen Erwartung. Bewusst wurde mir dies, als ich für eine Person, die ich nun schon einige Zeit kenne, den üblichen Wandkalender als Weihnachtspräsent kaufen wollte. Es gibt da tatsächlich ganz nette Ausführungen, allerdings sind sie oftmals nicht allzu leicht aufzufinden. Hat man sich aber nun einmal für ein bestimmtes Exemplar entschieden, fällt einem der horrende Preis auf, den zu zahlen man ja bei ernsterer Kaufabsicht gewöhnlich nicht vermeiden kann. Ich möchte jetzt natürlich nicht meine Zuneigung zu jener genannten Person dadurch herabwürdigen, dass ich mir überlege, ob ich eine bestimmte Summe für ihr Geschenk zu bezahlen bereit bin. Dies steht sowieso oft in diametral entgegengesetztem Verhältnis zueinander. Nein, es geht mir einfach um die praktisch anwendbare Überlegung, dass man bereits im Januar Kalender zu deutlich reduzierten Preisen erstehen kann. Ach, aber weh, die sind dann ja nicht mehr aktuell, denn etwa zwei Wochen des Jahres sind schon verbraucht und das erste Kalenderblatt somit schon zur Hälfte abgenutzt! Eine Grausamkeit, die selbst im katastrophengesättigten Inneren unserer Tageszeitungen Ihresgleichen sucht.

Dabei ist diese Abneigung gegen das nachträgliche Betrachten verstrichener Kalendertage eigentlich durchaus unverständlich, vergegenwärtigt man sich den Stellenwert, den Schnäppchenjägerei und Online-Versteigerungen in dieser unserer Gesellschaft innehaben. Da wird auf abgelegenen Flohmärkten in ebenso abgelegenen Dörfern nach der optimal erhaltenen Biedermeieruhr recherchiert, als gälte es, das Bernsteinzimmer zu vervollständigen. Eigentlich eine reizvolle Vorstellung. Ein konturloser Kombi schleicht durch unermessliche Schwaden von Edgar-Wallace-Nebel, aus unbekannten, jedoch effektvollen Gründen hat er jene gelblichen Scheinwerfer, welche diese Szene noch gespenstischer erscheinen lassen. Grotesk aussehende Bäume säumen die dunkle Allee, die durch das Niemandsland von Nordhessen hindurch direkt auf ein unsägliches nordhessisches Dorf zuführt, in dem es selbstverständlich Fachwerkhäuser und einen Flohmarkt gibt, auf dem man hofft, unbemerkt von blutgierigen Schnäppchenkonkurrenten das ersehnte Beutestück aufzuspüren und damit in besagtem Nebel unterzutauchen wie ein Piratenschiff. Warum also nicht auch einen Kalender kaufen, dem nur zwei Wochen fehlen? Ei den kauft man halt neu und da muss dann auch alles perfekt sein, egal ob billiger.

Übrigens ein netter Gruß nach Nordhessen. Es ist eigentlich recht schön dort.

Sie sollten eine Interessengemeinschaft gründen oder wenigstens eine Demonstration initiieren, um ihr Anliegen öffentlich und bemerkbar zu machen, die Opfer automatisch öffnender Türen.  Schließlich geht es um unserer aller Sicherheit bei diesem Thema! Wie leicht kann es passieren, dass man sorglos auf eine Tür zugeht , die sich zu unerwartetem Zeitpunkt mit einem satten Schnappen öffnet und so etwa einen spontanen Herzinfarkt oder zumindest das Verschütten von Kaffe, ausgelöst durch unvermeidbares und schreckbedingtes Zusammenzucken, verursacht. In manchen Gebäuden existieren tatsächlich Schilder mit der Aufschrift „Vorsicht, Automatiktür!“. Lieber Himmel. Man baut also hier eine Vorrichtung zur Komforterhöhung ein, im vollen Bewusstsein, dass man die Menschen vor ihr wird warnen müssen. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, in öffentlichen Verkehrsmitteln vor ähnlich gefährlichen Gerätschaften zu warnen. Schilder wie „Achtung, Klimaanlage!“ oder  „Vorsicht, bequeme Sitzpolsterung!“ würden sich in dieser Tradition doch relativ gut machen. Letzteres wirkt bei weiterem Nachdenken etwas unrealistisch, eine derartige Gefahr ist mir in meiner langjährigen Erfahrung mit Stadtbussen noch nicht untergekommen, aber ich möchte nicht ausschließen, dass etwa in abgelegenen Landesteilen Nordnorwegens Busse mit bequemen Sitzpolstern verkehren.

Man muss eben geschickt dabei sein, wenn man im Alltag der Großstadt bestehen möchte. Niemand hat behauptet, dass es leicht wäre. Erst neulich konnte ich mich nur durch einen glücklichen Zufall vor der heimtückischen Attacke einer besonders eifrigen Automatiktür retten. Verstärkt wurde meine Überraschung durch die Tatsache, dass besagte Tür bisher mit einer bemerkenswerten Gemütlichkeit ihrer heroischen Aufgabe nachging, was vermutlich der Grund für das Dasein des Snackautomaten ist, der sich in einer benachbarten Wandnische befindet. Nun muss sich aber irgendein gestresster Zeitgenosse durch diese meiner Meinung nach gelungene Entschleunigungsmaßnahme  erheblich gestört gefühlt und darüber beschwert haben, denn die Tür wechselt ihren Zustand nun so schnell, dass der Übergang vom einen zum andern kaum noch wahrnehmbar ist. Allein gewarnt durch ein bedrohliches Summen und Knacken konnte ich mich in den geöffneten Aufzug in Sicherheit bringen. Falls der verantwortliche Haustechniker dies hier also zufällig zu Gesicht bekommen sollte, so möge er doch bitte erwägen, etwa eine gelbe Blitzleuchte, wie sie an Autobahnbaustellen benutzt wird oder einen weithin hörbaren Warnton zu installieren. Nur für den Fall, dass sich der Aufzug einmal nicht rechtzeitig öffnet.

Es geschehen doch immer wieder frappierende Ereignisse. Da lebt man tagtäglich so vor sich hin, hat jetzt gar keine großen Erwartungen, dass sich am oft verfluchten aber insgeheim liebgewonnenen Alltag jemals etwas Signifikantes ändern könnte und dann passiert es. Einfach so. Vergangenen Donnerstag hat die Frau an der Kasse der Unicaféteria zum ersten Mal meinen Gruß erwidert. All die Jahre, in denen ich nun mein Brötchen bei ihr bezahle, an guten Tagen auch einmal ein Stück Formteig, den sie dort als Kuchen verkaufen, in dieser ganzen Zeit habe ich mich immer artig und mit regelrecht halsstarrigem Optimismus bei ihr für das Abkassieren bedankt und niemals habe ich ihr eine Reaktion entlocken können, nicht einmal eine unfreundliche. Wahrscheinlich ist das das irritierendste an der ganzen Sache, diese Reaktionslosigkeit.

Viele Menschen sagen ja, sie ertrügen es nicht,  in den Untiefen der Unwissenheit zu treiben. Lieber will ich wissen, dass ich seit drei Jahren mit einem Massenmörder zusammen bin, als dass ich noch zehn Jahre glücklich mit ihm zusammenlebe, bevor er sein nächstes Opfer findet. Dies jetzt nur als Beispiel, es mag vielleicht etwas konstruiert anmuten. Wahrscheinlich verhält es sich mit der geradezu autark wirkenden Verhaltensweise der Dame an der Kasse ebenso. Hasst sie mich einfach? Oder trage ich seit vier Jahren Kleidungsstücke, die ihr modisches Empfinden aus dem Gleichgewicht bringen oder sie an verflossene Liebhaber erinnern? Hat sich vielleicht herausgestellt, dass ihr letzter Ehemann ein Massenmörder war? Oder ist sie taubstumm? Nun, ich weiß es bis heute nicht. Aber als ich an besagtem vergangenen Donnerstag mein Stück Kuchen bei ihr bezahlte holte sie mit dem linken Arm aus. Auf eine Ohrfeige war ich schon gefasst, schließlich kann man das nach jahrelanger Provokation meinerseits durchaus verstehen, allerdings nicht vorbereitet war ich auf das, was sich kausal hieran anschloss: Sie reichte mir eine Plastikgabel zu meinem Kuchen. Ich wusste nicht, dass hier so etwas überhaupt existierte, seit Jahren esse ich meinen Kuchen mit den Fingern, die ich dann an mitgeführten Papiertaschentüchern säubere. Man kann sich also meine Verblüffung lebhaft vorstellen, als ich derart bedacht wurde.

Falls dem einen oder anderen Leser übrigens die Formulierung vom halsstarrigen Optimismus, die ich weiter oben im Text verwendet habe, säuerlich aufstoßen sollte, so möge er oder sie doch bitte noch einmal darüber meditieren. Halsstarrige Optimisten trifft man häufiger als man denkt. Sie finden immer eine positive Seite an der Katastrophe, die ihnen oder einer ihnen bekannten Person gerade widerfahren ist und bringen dieserart viel Leid unter die Menschen, welches nicht zuletzt sie selbst am härtesten trifft.  Was aber, um diesen Text einmal auf seinen Ausgangspunkt zurückzuführen, wirklich von Bedeutung ist, ist die Tatsache, dass Veränderungen sich in den seltsamsten Momenten in unser Leben schleichen und oft in einer wirbelsturmartigen Bewegung dahergefegt kommen. Vielleicht sollten wir uns manchmal einfach mit ihnen drehen. Leicht gesagt? Sehr richtig. Man denke nur an mein Verkäuferinnenerlebnis. Wie soll ich besagter Person zukünftig gegenübertreten? Soll ich sie weiterhin grüßen als wäre nichts gewesen? Sollte ich ihr handgeschnittene Veilchen mitbringen und sie ihr beim nächsten Bezahlvorgang gemeinsam mit der Mensakarte auf den Guthabenscanner legen? Womöglich würde ich damit die gesamte Elektronik und somit auch die aufkeimende Menschlichkeit besagter Person erlahmen lassen. Ich glaube, ich mache einfach weiter wie bisher.

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