Der Kulturteil unserer Zeitungen ist immer wieder eine anregende Lektüre. Man kann dort Berichte über alle möglichen verflossenen Veranstaltungen lesen und die Meinungen der Verfasser erfahren. Besonders schön und nützlich ist es natürlich, wenn man hierbei auf Ereignisse in der Zukunft hingewiesen wird, die man andernfalls übersehen hätte. So sah ich beispielsweise heute einen Artikel in unserer Zeitung, der die Aufführung eines Theaterstücks am selben Abend thematisierte. Hingerissen und freudig affiziert traf ich die über alle Maßen spontane Entscheidung, diesem Stück beizuwohnen. Im vollen Bewusstsein der Macht der Neuen Medien verschaffte ich mir umgehend Zugang zum Internet, um online eine Kartenvorbestellung zu initiieren. Meine bis dato andauernde Euphorie wurde sodann massiv gebremst, als der zugegebenermaßen hübsch bunte Sitzplan des Theaters mir mitteilte, dass bereits alle Plätze belegt seien. Nachdem sich inzwischen die hierauf eingetretene unspezifische und negative Gefühlsmischung wieder gelegt hat, stelle ich mir doch die Frage, welchen praktischen Nutzen eine Zeitungsmeldung hat, die ein bereits ausverkauftes Ereignis im Vorfeld zum Thema hat – eine derartige Meldung macht ein wenig den Eindruck von gedruckter Luftpolsterfolie, damit das bisschen Inhalt in der Zeitung nicht so laut hin- und her rappelt.

Vielleicht fehlt mir auch die Kenntnis weiterer aktueller Themen, wie beispielsweise die der Erfindung der Zeitreisen. Dann wiederum wäre diese Information sehr hilfreich. Andernfalls drängt sich der Verdacht auf, dass Informationen hier zum Selbstzweck verbreitet werden. Sowohl Informationsgehalt als auch Handlungsrelevanz sind in etwa vergleichbar mit einer Meldung über die Entdeckung eines entfernt erdähnlichen Planeten in der Nähe des zweiten Rings des Saturn. Nett, aber was soll ich mit diesem Wissen jetzt anfangen? Die Planetenexistenz könnte immerhin noch einmal in einer Quizshow abgefragt werden – bei der Information über besagtes Theaterstück hingegen ist das schon weniger wahrscheinlich.

Der Legende nach hauste einst auf Kreta in einem großen Labyrinth der Minotaurus, ein Wesen, halb Stier, halb Mensch. Dieses Labyrinth war sein Gefängnis, und alle neun Jahre wurden ihm sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen zum Fraß vorgeworfen.

Nun befindet sich das Parkhaus des Ärztezentrums, in dem ich heute eine Stippvisite absolvierte, nicht auf Kreta und auch abgenagte Knochen sah ich in den Korridoren nicht vor sich hin verwesen, aber muss ich doch ernsthaft bezweifeln, dass der Konstrukteur des Minotaurus-Labyrinths je gestorben ist. Jedes architektonische Detail dieses Parkhauses zeigt die Handschrift des antiken Meisters. Warum sich das hiesige Monster heute nicht zeigte, dazu kann ich nur Spekulationen anstellen. Vielleicht ist es Opfer einer Aversion gegen gräuliche Gase ausstoßende Kraftfahrzeuge, welche sich in endlosen Schlangen durch überfüllte und beengte Parkhaus-Fahrspuren fädeln. Fädeln ist hier allerdings das falsche Wort. Man bräuchte einen zähflüssigeren Bruder des Fädelns, um diese charakteristische Bewegung von Fahrzeugen in überfüllten Parkhäusern zu verdeutlichen. Dieser müsste sowohl das abrupte Stocken des Fahrzeugkollektivs beinhalten, wenn ein findiger Fahrer glaubt, vor ihm parke jetzt gleich jemand aus, als auch die gelegentliche Rückwärtsbewegung im Slow-Motion-Domino-Stil, wenn ein solcher Pfiffikus dann auch noch die ganze Schlange zum Rückwärtsfahren nötigt, da ja sonst das ausparkende Auto nicht aus der anvisierten Lücke herauskäme. An dieser Stelle findet dieser Indiana Jones des verborgenen Parkplatzes dann gewöhnlich heraus, dass sein BMW nicht in die Parklücke passt, in der soeben noch ein Smart stand. Die Welt ist doch irgendwie gerecht.

Die Rampen, über welche man tiefer in die zwielichtigen Untergeschosse des Labyrinths gelangt, sind sehr effektiv hinter massiven Säulen verborgen. Auch das völlige Fehlen jeglicher Beschilderung unterstützt diese Wirkung. So kann sich der Großstadtabenteurer seines ganzen Erfindungsreichtums bedienen und nur mit Hilfe eines trickreichen Einsatzes diverser Kombinationen aus Rück- Seiten- und Schminkspiegeln den geheimen Abstieg in die Katakomben erspähen, wo gerüchteweise noch weitere Parkplätze auf den furchtlosen Fahrer warten sollen.

Nach Beendigung der Tätigkeit, zu deren Zweck man sich in diesen Höllenschlund gewagt hatte, muss bekanntlich dem Minotaurus ein Opfer gebracht werden, um das Gewölbe unbeschadet wieder verlassen zu dürfen. Hier ging der antike Architekt mit der Zeit, es wurden Kassenautomaten installiert. Irgendwo. Hierzu existiert zwar eine Beschilderung, aber vermutlich soll diese das Opfer nur verwirren und dem hungrigen Untier die Beute direkt in die Klauen treiben. Ich hatte das Glück, einen Parkplatz im untersten Untergeschoss zu ergattern. Dort existiert allerdings kein Kassenautomat, wovon mich ein sanft leuchtendes Schild in Kenntnis setzte. Das sanft leuchtende Schild sagte, ich solle es doch mal eine Ebene weiter oben versuchen. Man ist ja umgänglich und möchte keinen Streit, schon gar nicht mit einem Schild, das doppelt so breit ist, wie man selbst, und so gehorchte ich. Umso enttäuschender war dann die Erkenntnis, dass sich an besagtem Platz kein Kassenautomat verbarg. Auch kein entsprechendes Schild, weswegen ich durch die gesamte Ebene zu irren genötigt war und an deren anderem Ende ein weiteres Schild fand, diesmal recht roh auf eine Betonwand aufgetragen, das mich durch eine Tür schickte. Man glaubt es kaum, sie führte mich nach draußen. Leicht herab rieselnder Schnee begleitete mich auf meinem Weg die Treppen hinauf auf den Vorplatz des Ärztezentrums, wo tatsächlich ein Kassenautomat in voller Pracht auf seinem Altar thronte und meines Opfers harrte. Recht geduldig, wie ich fand.

Einen Faden hatte ich leider nicht bei mir gehabt, aber dafür eine Dose mit Fruchtgummischnüren, welche ich auf meiner Irrfahrt aneinander geknotet hinter mir abgespult hatte. So konnte ich nun problemlos meinen Weg die Treppen hinab, ins Innere des Parkhauses, durch das erste Untergeschoss hindurch, eine weitere Treppe hinunter und schließlich zur Tür meines Fluchtfahrzeugs finden. Etwa zwischen dem Notausgangszeichen und dem dritten Feuerlöscher von links fehlte ein Abschnitt der Fruchtgummischnüre, was mich mit Gedanken an den hungrig geifernden Minotaurus, der ja auch noch irgendwo in den Schatten lauern musste, ein wenig beunruhigte, aber weitere Zwischenfälle blieben aus.

Diesem Lamento sei nun ein Ende gesetzt, aber vielleicht wird der geneigte Leser meinen Gemütszustand verstehen – schließlich kam ich zu spät zu meinem Termin.

Ich zitiere von Zeit zu Zeit sehr gerne einmal jemanden. Sofern man das Privileg oder das Schicksal haben sollte oder falls einem – als Variante ohne inhärente Wertung – der Status eines Studierenden innewohnt, so kommt man um diese Freizeitbeschäftigung sowieso nicht herum.

Wen kann man nicht alles zitieren. Einstein wird immer gern genommen. Einstein war ja ein schlauer Kerl, da kann man nichts falsch machen. Oder auch Nietzsche, der ist so schön kontrovers, da wird schon keiner nachfragen. Herr Läufer-Schnarre von gegenüber wird vergleichsweise wenig zitiert, habe ich jedenfalls noch nicht mitbekommen. Kann ja gut sein, dass er durchaus seine Fangemeinde hat, die sich allfreitäglich in einem schummrigen Keller mit niedrig hängenden Lampen und Plüschsofas an den kahlen Wänden trifft, um sich dort reihum, in durchgesessenen Ohrensesseln sitzend, gegenseitig aus Läufer-Schnarre-Werken vorzulesen.

Ein besonders grelles Zitat hat heute meine Aufmerksamkeit gemopst und sie vom fließenden Verkehr an den Straßenrand hin entführt. Das Zitat war relativ belanglos und auch austauschbar. Vielleicht schreibt ja irgendwann einmal jemand einen Thesaurus für besonders platte Zitate, da würde das dann sicherlich einen großen Eintrag bekommen und gemeinsam mit einer unzählbaren Menge von Synonymen verzeichnet stehen. Wahrscheinlich würde es ein mehrbändiges Werk werden, das sich Universitätsbibliotheken zu Recherchezwecken anschaffen würden. Kopieren dürfte man daraus dann nicht, dazu wäre es in der Anschaffung einfach zu teuer, wenn da die Bindung kaputt ginge!

Besagtes Zitat also, so etwas wie „Durch seine Schwäche mache ich den Schwachen stark“ oder ähnlich (vermutlich ähnlich, aber der Sinn war in etwa vergleichbar) stand hinter einer Glasplatte mit Steckbuchstaben aufgebracht. Steckbuchstaben, das sind diese Dinger, die man früher immer an Kinos hatte, um die neuesten Filme anzukündigen. Jedenfalls, als Quelle war unter diesem Zitat niemand geringerer angegeben als Gott höchstpersönlich.

Das muss man sich mal vorstellen. Vielleicht schreibe ich ja irgendwann einmal eine Hausarbeit in Theologie oder Philosophie und zitiere aus der Bibel. Wie sähe dann die entsprechende Bibliographie aus? Allein schon wegen des fehlenden Vornamens würde das Schwierigkeiten geben. Ich bin mir auch nicht komplett sicher, ob es einhellige Forschungsmeinung ist, dass Gott als Verfasser der Bibel angesehen wird. Da zitiere ich doch lieber Einstein, da weiß man wenigstens, wen man zitieren soll. Das mit der Phantasie hat mir immer gut gefallen. Es gibt auch noch eines, in dem er sich darüber verbreitet, dass die Vergangenheit vergangen sei und er in der Zukunft zu leben gedenke. Naja, jeder irrt sich mal, das macht so einen Denker wie Einstein doch auch irgendwie sympathisch. Trotzdem schade, dass er mit der Gegenwart demnach nichts anfangen konnte, die Zukunft ist ja nun auch nicht greifbarer als die Vergangenheit.

Die Mitglieder des Läufer-Schnarre Zitateklubs löschen nun langsam ihre Zigarren und leeren ihre Whiskeygläser, schließlich ist es schon spät. Tun wir es ihnen gleich und verlassen im 10-Sekunden-Takt dieses Schriftstück. Nicht, dass noch jemand unseren geheimen Klubraum entdeckt.

Hunderttausend Jahre ist es nun her, dass wir zuletzt einen Valentinstag in Aussicht hatten. Manche mögen dass vielleicht für eine Übertreibung halten, aber angesichts der Massen an Werbung, die zu diesem Thema in meinen Email-Posteingang eindringen, kann es gar nicht anders sein. Wie sonst sollte man die Dringlichkeit, ja die geradezu hysterische Steigerung der Betreffzeilen in den vergangenen Tagen sinnvoll erklären? In Ihrer Verzweiflung greifen die mir übrigens allesamt unbekannten Absender jener sicherlich nett gemeinten Erinnerungsmails inzwischen schon zu drastischen Maßnahmen. Wenn ich doch schon keine pseudo-individuellen Produkte kaufen wolle, auf denen durchweg das Wort „Schatz“ in unerträglicher Schnörkelschreibschrift eingraviert, aufgemalt, hineingeätzt, mit den Zähnen gebissen, durch halbflüssige Zartbitterschokolade aufgebracht oder irgendwie anders appliziert wurde, dann solle ich doch bitte ein „Anti-Valentinstagsprodukt“ kaufen!

Vom wirtschaftlich Standpunkt aus betrachtet ist das natürlich eine glorreiche Idee, die man gar nicht genug in die höchsten Höhen des freien Marktwirtschaftshimmels hinaufloben kann. Vergessen wird dabei nur der indirekte Adressat. Wem sollte ich denn der Meinung jener findigen Marketing-Einsteins nach ein solches Produkt bittesehr verehren? Meinem größten Feind? Dem Zeitungsverkäufer an der Ecke? Oder kauft man solch ein Produkt nur für sich selbst? Ich bitte um eine Begriffsdefinition!

Nebenbei gesagt, ich weiß nicht, wie ein solches Produkt eigentlich auszusehen hat. T-Shirts mit der Aufschrift „Valentinstag ist doof“ vielleicht. Oder eine Klobrille in Herzform, das wäre doch fast schon subtil. Da könnte man dann ja auch „Schatz“ eingravieren.

Wenn ich wüsste, wie ich es anstellen sollte, dann würde ich mich gern vor diesen sicherlich nur nett gemeinten Mails schützen, denn ich kann mit beiden Zielgruppen nicht viel anfangen. Entweder mache ich mich zum Sklaven der Wirtschaft, die diesen Tag sicherlich über einige verkappte Briefkastenorganisationen selbst ins Leben gerufen hat, oder ich stemple mich selbst als desillusionierten Griesgram ab. Achtung, abwegige Idee: Warum nicht mal ein nettes Geschenk selber machen? Mit eigenen Händen und so? Oder einfach nur mal besonders nett sein zu den Personen, die man damit bedenken möchte? Was wird mir da entgegen geschleudert? Das kann man doch das ganze Jahr über machen? Achso, ja, stimmt.

- Kurze grüblerische Pause… – Wozu brauchte man dann doch gleich noch mal den Valentinstag?

In Ungnade gefallen ist man sehr schnell. Festzustellen ist dies besonders leicht, wenn man bestehende Erwartungshaltungen nicht erfüllt, sei es aus forscherdrangsbedingter Wissbegier oder durchaus ohne Absicht, nämlich in schlichter Unkenntnis der jeweiligen Erwartung. Bewusst wurde mir dies, als ich für eine Person, die ich nun schon einige Zeit kenne, den üblichen Wandkalender als Weihnachtspräsent kaufen wollte. Es gibt da tatsächlich ganz nette Ausführungen, allerdings sind sie oftmals nicht allzu leicht aufzufinden. Hat man sich aber nun einmal für ein bestimmtes Exemplar entschieden, fällt einem der horrende Preis auf, den zu zahlen man ja bei ernsterer Kaufabsicht gewöhnlich nicht vermeiden kann. Ich möchte jetzt natürlich nicht meine Zuneigung zu jener genannten Person dadurch herabwürdigen, dass ich mir überlege, ob ich eine bestimmte Summe für ihr Geschenk zu bezahlen bereit bin. Dies steht sowieso oft in diametral entgegengesetztem Verhältnis zueinander. Nein, es geht mir einfach um die praktisch anwendbare Überlegung, dass man bereits im Januar Kalender zu deutlich reduzierten Preisen erstehen kann. Ach, aber weh, die sind dann ja nicht mehr aktuell, denn etwa zwei Wochen des Jahres sind schon verbraucht und das erste Kalenderblatt somit schon zur Hälfte abgenutzt! Eine Grausamkeit, die selbst im katastrophengesättigten Inneren unserer Tageszeitungen Ihresgleichen sucht.

Dabei ist diese Abneigung gegen das nachträgliche Betrachten verstrichener Kalendertage eigentlich durchaus unverständlich, vergegenwärtigt man sich den Stellenwert, den Schnäppchenjägerei und Online-Versteigerungen in dieser unserer Gesellschaft innehaben. Da wird auf abgelegenen Flohmärkten in ebenso abgelegenen Dörfern nach der optimal erhaltenen Biedermeieruhr recherchiert, als gälte es, das Bernsteinzimmer zu vervollständigen. Eigentlich eine reizvolle Vorstellung. Ein konturloser Kombi schleicht durch unermessliche Schwaden von Edgar-Wallace-Nebel, aus unbekannten, jedoch effektvollen Gründen hat er jene gelblichen Scheinwerfer, welche diese Szene noch gespenstischer erscheinen lassen. Grotesk aussehende Bäume säumen die dunkle Allee, die durch das Niemandsland von Nordhessen hindurch direkt auf ein unsägliches nordhessisches Dorf zuführt, in dem es selbstverständlich Fachwerkhäuser und einen Flohmarkt gibt, auf dem man hofft, unbemerkt von blutgierigen Schnäppchenkonkurrenten das ersehnte Beutestück aufzuspüren und damit in besagtem Nebel unterzutauchen wie ein Piratenschiff. Warum also nicht auch einen Kalender kaufen, dem nur zwei Wochen fehlen? Ei den kauft man halt neu und da muss dann auch alles perfekt sein, egal ob billiger.

Übrigens ein netter Gruß nach Nordhessen. Es ist eigentlich recht schön dort.

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