Der Legende nach hauste einst auf Kreta in einem großen Labyrinth der Minotaurus, ein Wesen, halb Stier, halb Mensch. Dieses Labyrinth war sein Gefängnis, und alle neun Jahre wurden ihm sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen zum Fraß vorgeworfen.
Nun befindet sich das Parkhaus des Ärztezentrums, in dem ich heute eine Stippvisite absolvierte, nicht auf Kreta und auch abgenagte Knochen sah ich in den Korridoren nicht vor sich hin verwesen, aber muss ich doch ernsthaft bezweifeln, dass der Konstrukteur des Minotaurus-Labyrinths je gestorben ist. Jedes architektonische Detail dieses Parkhauses zeigt die Handschrift des antiken Meisters. Warum sich das hiesige Monster heute nicht zeigte, dazu kann ich nur Spekulationen anstellen. Vielleicht ist es Opfer einer Aversion gegen gräuliche Gase ausstoßende Kraftfahrzeuge, welche sich in endlosen Schlangen durch überfüllte und beengte Parkhaus-Fahrspuren fädeln. Fädeln ist hier allerdings das falsche Wort. Man bräuchte einen zähflüssigeren Bruder des Fädelns, um diese charakteristische Bewegung von Fahrzeugen in überfüllten Parkhäusern zu verdeutlichen. Dieser müsste sowohl das abrupte Stocken des Fahrzeugkollektivs beinhalten, wenn ein findiger Fahrer glaubt, vor ihm parke jetzt gleich jemand aus, als auch die gelegentliche Rückwärtsbewegung im Slow-Motion-Domino-Stil, wenn ein solcher Pfiffikus dann auch noch die ganze Schlange zum Rückwärtsfahren nötigt, da ja sonst das ausparkende Auto nicht aus der anvisierten Lücke herauskäme. An dieser Stelle findet dieser Indiana Jones des verborgenen Parkplatzes dann gewöhnlich heraus, dass sein BMW nicht in die Parklücke passt, in der soeben noch ein Smart stand. Die Welt ist doch irgendwie gerecht.
Die Rampen, über welche man tiefer in die zwielichtigen Untergeschosse des Labyrinths gelangt, sind sehr effektiv hinter massiven Säulen verborgen. Auch das völlige Fehlen jeglicher Beschilderung unterstützt diese Wirkung. So kann sich der Großstadtabenteurer seines ganzen Erfindungsreichtums bedienen und nur mit Hilfe eines trickreichen Einsatzes diverser Kombinationen aus Rück- Seiten- und Schminkspiegeln den geheimen Abstieg in die Katakomben erspähen, wo gerüchteweise noch weitere Parkplätze auf den furchtlosen Fahrer warten sollen.
Nach Beendigung der Tätigkeit, zu deren Zweck man sich in diesen Höllenschlund gewagt hatte, muss bekanntlich dem Minotaurus ein Opfer gebracht werden, um das Gewölbe unbeschadet wieder verlassen zu dürfen. Hier ging der antike Architekt mit der Zeit, es wurden Kassenautomaten installiert. Irgendwo. Hierzu existiert zwar eine Beschilderung, aber vermutlich soll diese das Opfer nur verwirren und dem hungrigen Untier die Beute direkt in die Klauen treiben. Ich hatte das Glück, einen Parkplatz im untersten Untergeschoss zu ergattern. Dort existiert allerdings kein Kassenautomat, wovon mich ein sanft leuchtendes Schild in Kenntnis setzte. Das sanft leuchtende Schild sagte, ich solle es doch mal eine Ebene weiter oben versuchen. Man ist ja umgänglich und möchte keinen Streit, schon gar nicht mit einem Schild, das doppelt so breit ist, wie man selbst, und so gehorchte ich. Umso enttäuschender war dann die Erkenntnis, dass sich an besagtem Platz kein Kassenautomat verbarg. Auch kein entsprechendes Schild, weswegen ich durch die gesamte Ebene zu irren genötigt war und an deren anderem Ende ein weiteres Schild fand, diesmal recht roh auf eine Betonwand aufgetragen, das mich durch eine Tür schickte. Man glaubt es kaum, sie führte mich nach draußen. Leicht herab rieselnder Schnee begleitete mich auf meinem Weg die Treppen hinauf auf den Vorplatz des Ärztezentrums, wo tatsächlich ein Kassenautomat in voller Pracht auf seinem Altar thronte und meines Opfers harrte. Recht geduldig, wie ich fand.
Einen Faden hatte ich leider nicht bei mir gehabt, aber dafür eine Dose mit Fruchtgummischnüren, welche ich auf meiner Irrfahrt aneinander geknotet hinter mir abgespult hatte. So konnte ich nun problemlos meinen Weg die Treppen hinab, ins Innere des Parkhauses, durch das erste Untergeschoss hindurch, eine weitere Treppe hinunter und schließlich zur Tür meines Fluchtfahrzeugs finden. Etwa zwischen dem Notausgangszeichen und dem dritten Feuerlöscher von links fehlte ein Abschnitt der Fruchtgummischnüre, was mich mit Gedanken an den hungrig geifernden Minotaurus, der ja auch noch irgendwo in den Schatten lauern musste, ein wenig beunruhigte, aber weitere Zwischenfälle blieben aus.
Diesem Lamento sei nun ein Ende gesetzt, aber vielleicht wird der geneigte Leser meinen Gemütszustand verstehen – schließlich kam ich zu spät zu meinem Termin.